Bekämpfung

9.2 Nicht‐chemische Bekämpfung

Chemiefreie Methoden sind ein wichtiges und nachhaltiges Element im Rahmen von Kontrollprogrammen und gute Ergebnisse können erzielt werden, wenn diese Methoden mit chemischen Bekämpfungen kombiniert angewendet werden.
Befallene und gesperrte Räume einfach für einige Zeit leer stehen zu lassen ist keine Behandlungsoption, weil Bettwanzen für mehrere Monate hungern können. Befallene Räume sollten unverzüglich und im Einklang mit den Empfehlungen in diesem Kodex behandelt werden.

9.2.1 Behandlung von Räumen

Staubsaugen

Erstes Ziel eines Behandlungsprogramms ist, die absoluten Zahlen vorhandener Bettwanzen zu reduzieren. Durch absaugen kann man nie alle Wanzen oder Eier entfernen, die Population kann aber stark dezimiert werden; ausserdem sind chemische Biozide (falls ihr Einsatz erforderlich wird) auf staubfreien Untergründen im Allgemeinen effektiver.
Wird der Staubsauger zur Behandlung eingesetzt, muss vor allem langsam und gründlich gesaugt werden, um so viele Bettwanzen wie nur möglich zu erfassen. Feine Ritzendüsen werden benutzt, um Teppichränder, Bettumrandungen, Matratzennähte, Divan‐Unterbetten und ähnliche Bereiche abzusaugen.
Beim Einsaugen von Insekten besteht immer die Möglichkeit, Insekten‐Allergene in die Raumluft freizusetzen. Das kann für sensitive Personen ein ernstes Problem werden und kann zu asthmatischen Reaktionen führen. Wenn ein Kunde angibt, an Hausstauballergie oder Milbenasthma zu leiden (sollte im Rahmen der Risikoabschätzung herausgefunden werden), dürfen nur Staubsauger mit HEPA Filter eingesetzt werden. Alternativ sollte die empfindliche Person den Behandlungsbereich während und unmittelbar nach der Behandlung nicht betreten.
Es ist wichtig darauf zu achten, dass nicht der Staubsauger selbst eine Befallsquelle wird. Nach jedem Staubsaugereinsatz im Rahmen eines Behandlungsprogramms muss das Gerät selbst isoliert aufbewahrt und gründlich von eventuell anhaftenden Insekten und/oder Eiern befreit werden. In den Phasen des Nichtgebrauchs sollte der Sauger in einem Plastikbeutel verpackt aufbewahrt werden.

Dampfreinigen

Mit heissem Dampf können alle Entwicklungsstadien von Bettwanzen inklusive ihrer Eier abgetötet werden. Dampf alleine ist allerdings nur eine Option, wenn man es mit einem leichten Befall zu tun hat. In aller Regel wird Dampf immer in Kombination mit anderen Bekämpfungsmethoden eingesetzt.
Es gibt viele unterschiedliche Dampfgeräte am Markt, nicht alle sind aber für eine Bettwanzenbehandlung geeignet. Die effektivsten Geräte sind in der Lage, Dampf hoher Temperatur bei gleichzeitig geringer Flussrate zu erzeugen; wann immer möglich sollte man industrielle „Trockendampf“‐Geräte benutzen, weil bei diesen die anschliessende Trockenzeit sehr kurz ist. Dampferzeuger, die eine kontinuierliche Flussrate haben, können permanent wieder aufgefüllt und benutzt werden, viele billigere Geräte müssen zum Befüllen abgeschaltet und anschliessend wieder aufgeheizt werden.
Anmerkung: „Trockendampf“ ist eine irreführende Bezeichnung. Behandelte Oberflächen sind auch hier hinterher feucht. Nach der Behandlung ist immer für ausreichende Lüftung (evtl. Ventilatoren einsetzen) zu sorgen, damit sich nicht mit der Zeit Schimmel entwickeln kann.
Die Dampfflussrate sollte so niedrig wie möglich gehalten werden, damit Bettwanzen nicht durch den Dampf in andere Bereiche „verblasen“ werden, ausserdem bleiben dadurch die behandelten Flächen relativ trockener. Geräte mit mehreren Düsen arbeiten normalerweise mit niedriger Flussrate. Das Risiko, Bettwanzen wegzublasen ist geringer und eine grössere Fläche kann in kürzerer Zeit behandelt werden. Wenn ein Gerät mit einer niedrigen Dampfflussrate eingesetzt wird, ist es meist notwendig, die Düse unmittelbar auf die zu behandlende Fläche aufzusetzen. Die Temperatur fällt normalerweise mit zunehmender Entfernung zur Düse rasch ab und reicht schon bei enigen Zentimetern Entfernung nicht mehr aus, um Bettwanzen abzutöten.
Düsen mit Bürsten sollten vermieden werden, damit Bettwanzen nicht durch die Borsten weggeschleudert werden können.
Wie alle anderen Werkzeuge auch sind Dampferzeuger nur so effektiv wie ihr Benutzer. Um erfolgreich zu sein, muss die behandelnde Person mit dem Schädling und seinen Ansprüchen an seine Umwelt vertraut sein und sowohl Inspektion als auch Behandlung müssen gründlich und genau durchgeführt werden.
Teppichränder können auch mit Dampf behandelt werden, wenn möglich auch auf der Unterseite. Nach Beendigung der Dampfbehandlung sollten tote Bettwanzen abgesaugt werden, das ist gleich auch die erste Erfolgskontrolle (es gibt auch kombinierte Dampferzeuger/Staubsauger).
Wie andere Techniken auch, hat auch Dampf seine Einschränkungen: Dampf kann durchaus hitze‐ und wasserempfindliche Gegenstände beschädigen. Der Bekämpfer sollte immer vorher
Bed Bug Foundation ‐ 23 ‐ European Code of Practice V2 Deutsch
testen (und im Zweifelsfall fragen), bevor er die eigentliche Behandlung beginnt. Dampf erhöht ausserdem die Luftfeuchte. Schimmelwachstum und eventuell gesundheitliche Probleme können Folgen sein

Trockeneis

Trockeneis ist Kohlendioxid in fester Form und kann Bettwanzen und ihre Eier blitzartig gefrieren. Die Effizienz von Trockeneis und den Applikationsgeräten kann noch nicht abschliessend bewertet werden und erfordert noch weitergehende Untersuchungen. Bettwanzen müssen immer in direkten Kontakt mit dem Eisnebel kommen, damit ein Erfolg erzielt werden kann: Trockeneisnebel durchdringt keine Oberflächen. Ähnlich wie beim Einsatz von Dampf kann Trockeneisnebel durch seine Fliessgeschwindigkeit Bettwanzen verblasen.
Man muss sich auch bewusst sein, dass sowohl Kohlendioxid als auch Kälte eine betäubende Wirkung auf Insekten haben: Insekten, die mit Trockeneis behandelt wurden, können tot erscheinen ‐ nur um nach einer kurzen Phase der Erwärmung und bei erneuter Sauerstoffzufuhr wieder aufzuwachen. Entsprechend sollten nach einer Trockeneisbehandlung alle toten (oder tot erscheinenden) Bettwanzen abgesaugt werden, um einem möglichen Misserfolg vorzubeugen.

Wärmebehandlung

Temperaturen über 48°C sind für Bettwanzen tödlich. Wenn der ganze Raum mit all seinem Inhalt auf über 48°C erwärmt werden kann und es keine Rückzugsmöglichkeit in Nachbarräume gibt, werden alle Bettwanzen abgetötet. Der entscheidende Vorteil der Hitzebehandlung liegt darin, dass alle im Raum befindlichen Möbel, Matratzen, Bettwäsche, Kleidung und sogar elektronische Geräte (spannungsfrei!) während der Behandlung vor Ort verbleiben können.
Während der vorbereitenden Untersuchung ist es wichtig, dass alle möglichen Fluchtwege erkannt und blockiert werden, weil Bettwanzen beim Bekämpfungsprozess extrem aktiv werden und zu entkommen versuchen. Lüftungsschlitze, die nicht versperrt werden können, sollten mit einem langzeitwirkenden Insektizid behandelt werden, um Bettwanzen an der Flucht und ihrer Wiederkehr nach der Bekämpfung zu hindern.
Wärmebehandlungen werden von spezialisierten Firmen angeboten, weil sie einen beträchtlichen Erstaufwand verlangen und fundierte Kenntnis der eingesetzten Geräte und physikalischer Gegebenheiten voraussetzen. Bei elektrischen Heizgeräten sind eventuell elektrische Leistungen erforderlich, die nicht überall zur Verfügung stehen.
Dicke Steinmauern haben eine hohe thermische Trägheit, die sich darin versteckende Bettwanzen schützt. Matratzen und Daunendecken können Bettwanzen, die sich darunter eingenistet haben abschirmen und müssen während einer Wärmebehandlung mehrfach gewendet werden, um eine vollständige Erwärmung zu erreichen. Hitzesensoren sollten eingesetzt werden, um sicherzustellen, dass an jeder Stelle des Raums für Wanzen tödliche Temperaturen erreicht werden, ohne andere Bereiche zu überhitzen und dadurch zu beschädigen.
Behandlungszeiten variieren je nach der eingesetzten Ausrüstung und den Gegebenheiten im Behandlungsbereich, eine Behandlungsdauer von 24 Stunden für z.B. ein Hotelzimmer ist üblich. Um Beschädigungen an der Einrichtung zu vermeiden, sollten die eingesetzten Geräte Temperaturen von 58°C – 60°C nicht überschreiten.
Zunehmend an Popularität gewinnen „Bubble“‐Behandlungen, bei denen die zu behandelnden Gegenstände in ein spezielles beheizbares Behältnis gebracht werden. Obwohl diese Behandlungen meist recht teuer sind, können sie gut dazu genutzt werden, befallenes Mobiliar inklusive ganzer Betten angemessen zu behandeln und so die Notwendigkeit (und die Kosten) für einen Austausch zu umgehen.